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Bilanz: Die Make-vs-Buy-Rechnung ist kaputt

November 2026 · Michael Andrejews

Vier Etappen, rund 25 Stunden fachliche Steuerung, ein System, für das ein klassisches Projekt rund 2'000 Personentage bräuchte. Was das für Kaufentscheide bedeutet und warum der Engpass jetzt das Verstehen ist.

Die klassische Make-vs-Buy-Entscheidung rechnet mit Entwicklungskosten, die es so nicht mehr gibt. Mit KI-gestützter Entwicklung kostet das Herstellen von Software nur noch einen Bruchteil, während Lizenzen und interne Wartung bei gekaufter Software bleiben, wie sie waren. Wer heute noch nach der alten Formel entscheidet, kauft viel zu oft.

Die alte Rechnung

Jahrzehntelang war Kaufen die vernünftige Wahl für alles, was nicht zum Kerngeschäft gehörte. Die Gründe waren gut:

Alle vier Argumente hängen am selben Punkt: Herstellen war teuer und langsam. Genau dieser Punkt hat sich verschoben.

Was sich verschoben hat

Mit KI-Agenten schreibt ein erfahrener Architekt in Tagen, wofür früher ein Team Monate brauchte. Nicht als Prototyp, sondern mit Tests, Dokumentation und Architekturentscheiden. Damit fällt der grösste Posten der alten Rechnung weg.

Die anderen Posten bleiben dagegen, wo sie waren, und sie lagen schon immer auf der Kaufseite:

Für die Hersteller heisst das: Am Herstellen verdienen sie in wenigen Jahren kaum noch etwas. Ihr Wert verschiebt sich zu dem, was sich nicht in Tagen bauen lässt.

Fallbeispiel: ein Zahlungssystem für Echtzeitzahlungen

Im Herbst 2026 haben wir ein teilnehmerseitiges System für Schweizer Instant Payments bauen lassen, nach den offiziellen Implementation Guidelines und ISO 20022. Unsere Rolle war die fachliche und architektonische Steuerung der KI-Agenten: rund 25 Stunden.

Kennzahl Wert
Code rund 27'400 Zeilen, Kotlin-Backend und React-Oberflächen
Automatische Tests 462, von der Einzelregel bis zum Ende-zu-Ende-Ablauf
Fachregeln 108, jede mit Verweis auf den Standard
Architekturentscheide 22 dokumentierte ADRs
Datenbanken PostgreSQL und Oracle, je mit Migrationen
Das Ergebnis zum Anschauen: ein Privatkonto im E-Banking und das Backoffice. Erfundene Banken, Demo-Daten.Das Ergebnis zum Anschauen: ein Privatkonto im E-Banking und das Backoffice. Erfundene Banken, Demo-Daten.
Das Ergebnis zum Anschauen: ein Privatkonto im E-Banking und das Backoffice. Erfundene Banken, Demo-Daten.

Funktional umfasst es Zahlungseingang und -ausgang mit Zustandsautomaten, Rückrufe, Kundenaufträge im Swiss-Payment-Standard, Vier-Augen-Freigaben, Rollen und Mandantenfähigkeit, austauschbare Transporte (Kafka, JMS, HTTP), ein Backoffice, einen Simulator der zentralen Plattform und ein Demo-E-Banking.

Was fehlt, ist bezeichnend: der Anschluss an die echte Plattform und die Zertifizierung. Beides ist keine Frage des Codes.

Der Vergleich ist der eigentliche Punkt. Als klassisches Projekt hätte derselbe Umfang realistisch 1'700 bis 2'800 Personentage gekostet, also 8 bis 10 Personen über 14 bis 20 Monate. Selbst ein eingespieltes Team im Idealfall läge bei 800 bis 1'150 Personentagen.

01'0002'0003'0004'000PersonentageEingespieltes Team, Idealfall800–1'150Klassisches Projekt, realistisch1'700–2'800Grosse Bank mit Gremien2'800–3'800KI-gestützt, fachlich gesteuertrund 3 (25 Stunden)kaum sichtbar auf dieser Skala
Geschätzter Aufwand für denselben Umfang. Der vierte Balken ist nicht vergessen: Er ist auf dieser Skala kaum breiter als ein Strich.

Die Schätzung stammt aus Erfahrungswerten, hergeleitet über 21 Bausteine und gegengeprüft über die Codemenge bei 10 bis 20 fertigen Zeilen pro Personentag. In keinem Szenario enthalten sind Plattformanschluss, Zertifizierung, Kernbankenadapter, Penetrationstest und produktiver Betrieb.

Der Engpass verschiebt sich vom Programmieren zum Verstehen

Die 25 Stunden funktionierten nur, weil sie jemand mit 15 Jahren Erfahrung im Zahlungsverkehr gesteuert hat. Die Agenten schreiben den Code. Welche Sonderfälle es gibt, wann eine Zahlung als unklar gilt und wie eine Rückforderung korrekt abläuft, müssen sie gesagt bekommen.

Mit denselben Werkzeugen hätte jemand ohne dieses Wissen in 25 Stunden ein System gebaut, das überzeugend aussieht und an den Rändern bricht. Genau dort, wo es im Zahlungsverkehr teuer wird.

Daraus folgt eine unbequeme Verschiebung:

Die Make-Entscheidung hängt damit weniger am Budget als an der Frage, ob ein Unternehmen diese Menschen hat oder gewinnen kann.

Wo Kaufen weiterhin gewinnt

Buy verschwindet nicht, es wird zur Ausnahme mit klaren Gründen. Gekauft wird künftig, was sich nicht in Code ausdrücken lässt:

Die neue Rechnung

Die Standardfrage dreht sich um: Nicht mehr «Warum sollten wir selbst bauen?», sondern «Was genau kaufen wir, das wir nicht in Wochen selbst haben könnten?»

Kriterium Alte Frage Neue Frage
Kosten Was kostet die Entwicklung? Was kosten Lizenz und Wartung über zehn Jahre im Vergleich zum eigenen Betrieb?
Zeit Wie schnell ist ein Produkt eingeführt? Wie schnell ist eine eigene Lösung gebaut, die genau passt?
Risiko Schaffen wir das technisch? Halten wir Zertifizierung, Haftung und Betrieb selbst?
Anpassung Wie viel Customizing erlaubt der Hersteller? Brauchen wir überhaupt Customizing, wenn das System für uns gebaut ist?
Abhängigkeit Ist der Hersteller stabil? Wollen wir Roadmap und Datenmodell aus der Hand geben?

Die Voraussetzung dafür ist keine Technologie, sondern eine Fähigkeit: Menschen, die Architektur, Fachlichkeit und KI-gestützte Entwicklung zusammenbringen. Wer diese Leute hat, sollte die meisten Kaufentscheide neu prüfen.

Was das bedeutet

Für Unternehmen: Jeder anstehende Kauf- oder Verlängerungsentscheid verdient eine zweite Rechnung, mit realistischen Herstellkosten von heute statt von vor fünf Jahren. Oft wird Kaufen trotzdem richtig sein, aber deutlich seltener als heute.

Für Hersteller: Wer nur Software verkauft, verkauft bald etwas, das Kunden selbst haben können. Überleben werden Anbieter, die Zertifizierung, Haftung, Betrieb oder ein Netzwerk liefern.

Make vs. Buy ist nicht tot. Aber die Rechnung, nach der wir zwanzig Jahre lang entschieden haben, stimmt nicht mehr.